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WEIBLICHER FOETIZID

Die Tradition, das männliche Kind zu bevorzugen, die grausamen tödlichen Varianten des weiblichen Infantizids – der Tötung neugeborener Mädchen – und die Missachtung von Mädchen und ihren Bedürfnissen, sind seit Jahrhunderten tief verwurzelt im indischen Subkontinent. So lange man sich zurück erinnern kann, werden Mütter gezwungen von ihren Familien, ihren Dörfern, ihrer Kultur und Gesellschaft, ihr tiefstes Verlangen – nämlich ihr Neugeborenes zu schützen – zu unterdrücken, indem sie das Leben nehmen, das sie hervorgebracht haben.

Aus dem einfachen Grund, weil es so ist wie sie. Weiblich.

Seit Jahrzehnten versucht die Regierung, den Morden an neugeborenen Mädchen in den ländlichen Gegenden Indiens Einhalt zu gebieten. Mütter sind bedroht, verhaftet, des Mordes angeklagt und sogar inhaftiert worden … und doch stellt sich die Frage, ob sie nicht genau so sehr Opfer wie Täter sind.

Enorme Bemühungen durch unzählige Sozialarbeiter haben der nächsten Generation von Mädchen Entlastung und Perspektive zu bringen versucht. Frauen wurden wirtschaftlich bevollmächtigt, gebildet und es wurde ihnen sogar finanzielle Unterstützung als Anreiz geboten, sollten sie ihre Töchter behalten.

Doch die vergangenen Jahrzehnte haben mit erschreckender Klarheit gezeigt, dass der erhoffte Effekt auf die Frauen der indischen Gesellschaft ausbleibt und das Bild, das sie von sich und ihren Töchtern haben, nicht durch Bildung, wirtschaftliche Ermächtigung oder einen höheren Lebensstandard aufgewertet wird.

Da die grausamen Rituale der weiblichen Kindstötung das empfindliche Gemüt quälen und so offen dem Sinn für Anstand entgegen stehen, hat der progressive Staat dieser Tradition entschieden den Kampf angesagt.

Und doch sieht sich Indiens Zukunft seit Anfang der 1980er Jahre einer viel größeren Bedrohung gegenüber – und das gerade in den Bereichen der Gesellschaft, die man unberührt glaubte von antiken Vorurteilen und diskriminierenden Gewalttaten gegen Mädchen.

In den jüngsten Volkszählungen von 2001 und 2011 zur Ermittlung des Verhältnisses zwischen Jungen und Mädchen, sehen wir eine alarmierende Verzerrung zugunsten des männlichen Geschlechts.

Laut Radhika Kaul Batra, leitender Interessenvertreter bei der UNFPA, dem Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen, ist ein Verhältnis weiblich : männlich von weniger als 950 : 1000 ein klarer Hinweis auf Eingriffe gegen das weibliche Geschlecht.

Doch weiblicher Infantizid ist seit Jahrhunderten integraler Bestandteil der indisch-hinduistischen Kultur!

Weshalb zeigen die Zählungen von 1991 ein normales oder nur leicht verzerrtes Verhältnis, die von 2001 ein bereits eindeutig verschlechtertes und die von 2011 die alarmierende Entstellung, der wir uns jetzt gegenübersehen?

Lakshmi, Mutter einer Tochter in einem ländlichen Dorf in Tamil Nadu, drückt es treffend aus: „Die Leute in der Stadt haben gut reden. Sie können es sich leisten, von Maschinen getestet zu werden und dann das Mädchen töten, solange es noch in der Gebärmutter ist. Inwiefern ist das weniger strafbar?“

„Sie können es sich leisten … Sie können es sich leisten … Sie können es sich leisten …“

Ein ominöses Echo, das ein neues Zeitalter der Geringschätzung für das weibliche Geschlecht ankündigt: die geschlechtsspezifische Abtreibung. Das Ausmaß der gezielten Vernichtung ungeborener Mädchen lässt auch Politiker verzweifeln: „Indische Frauen sind mehr gefährdet als unsere Tiger!“, so Renuka Choudhary, Ministerin für Frauen- und Kinderwohl, schon im Jahr 2006.

Ja, „sie können es sich leisten“. Indiens gebildete, finanziell wohlsituierte Frauen können sich eine Ultraschalluntersuchung in der Schwangerschaft leisten.

Sie können es sich leisten, den Arzt zu bezahlen, der gewillt ist, das Gesetz zu brechen, um das Geschlecht des Ungeborenen zu enthüllen.

Sie können es sich leisten, eine geschlechtsspezifische Abtreibung vornehmen zu lassen.

Was sie sich nicht leisten können, ist, Leben zu wählen für ihre zweite, dritte oder vierte Tochter.

Sie können es sich nicht leisten, an ihren Mann, ihre Schwiegereltern und Gesellschaft heranzutreten mit dem Wunsch, ihr Mädchen zu behalten.

In einer Familienplanung, die nur zwei Kinder vorsieht, können diese Frauen es sich nicht leisten, mehr als eine Tochter zu haben.

Das unfassbare Ausmaß dieser neuen Welle der Vernichtung des weiblichen Geschlechts hat Indiens Befürchtungen weit übertroffen, sie völlig unvorbereitet getroffen und mit Abermillionen fehlender Töchter zurückgelassen … achtlos weggeworfen in die Mülleimer ihrer Frauenkliniken.

Dr. Sabu George blickt auf über 40 Jahre Erfahrungen in der Erforschung des weiblichen Foetizids – der vorgeburtlichen Tötung von Mädchen -, des Infantizids und der Mangelernährung und medizinischen Vernachlässigung von Mädchen zurück. Er drängt: „Wenn wir die medizinische Untat der geschlechtsspezifischen Abtreibung nicht sofort stoppen, werden uns keine Frauen bleiben. Wir haben keine Zeit. Es muss sofort geschehen.“

Das war 2006.

Seitdem werden in Indien jährlich 15,6 Millionen Ungeborene abgetrieben. Ein überwältigender Anteil von ihnen Mädchen.

Umfragen in Mumbai haben ergeben, dass bei Bekanntgabe des Geschlechtes des Ungeborenen, 95% der Paare, die ein Mädchen erwarten, sich für eine Abtreibung entscheiden, während 100% der ungeborenen Jungen – jeder einzelne – ausgetragen wird.

Die Philosophie männlicher Überlegenheit auf der einen und der Bürde minderwertiger Weiblichkeit auf der anderen Seite ist präsent in allen Dörfern, Distrikten, Städten und Bundesstaaten des wunderschönen Subkontinents. Sie durchdringt die Mentalität aller Stämme, Volksgruppen, Berufe und Kasten der indischen Gesellschaft.

Und bekanntlich geht aus der Philosophie eines Volkes ihre Weltsicht hervor.

Die Art wie eine Zivilisation sich selbst und ihre einzelnen Mitglieder sieht, bestimmt wiederum ihr Verhalten.

Durch ihre Geringschätzung für das weibliche Geschlecht – die Frauen, die noch immer fast die Hälfte ihrer Bevölkerung darstellen – hat Indien weltweit traurige Berühmtheit erlangt.

Der Vater der Nation, Mahatma Gandhi Ji, sagte einmal: „Die Größe einer Nation wird daran gemessen, wie sie ihre schwächsten Mitglieder behandelt.“

Die Größe einer Nation wird daran gemessen, wie sie ihre schwächsten Mitglieder behandelt.

Ohne einen Moment des Zögerns können wir sagen, dass die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft – ja, jeder Zivilisation – die sind, die nicht für sich selbst sprechen können.

Die, deren Stimmen nicht gehört werden.

Diese Stimmlosen sind die Ungeborenen.

Obgleich ihre Stimmbänder schon einwandfrei funktionieren in der zwölften Schwangerschaftswoche und sie während Abtreibungen in stummen Schreien vibrieren, wird nicht ein einziger Laut an die Ohren ihrer Mütter dringen.

Verborgen vor unseren Blicken und umgeben von Fruchtwasser wird die schützende Gebärmutter zum Grab dieser ungewollten Töchter.

Wer wird die Stimme erheben für diese schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft?

Auch die Mädchen, die das Glück haben, leben zu dürfen, brauchen unsere Stimme, um gehört zu werden:

Unsere Stimme, die ihnen sagt, dass sie ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft sind, ganz genau so wertvoll wie ihr männliches Pendant.

Unsere Stimme, erhoben für ihr Recht, mit gleichem Respekt, gleicher Versorgung und gleichen Chancen bedacht zu werden.

Unsere Stimme, die die Entschlossenheit der Mütter stärkt, die nicht gewillt sind, das Lebensrecht ihrer Töchter anzutasten.

Unsere Stimme, die sich an die Seite dieser Mütter stellt, die so dringend Hilfe brauchen.

Sind wir gewillt, zu helfen?

Unsere Stimme muss erhoben werden in einer Gesellschaft, die die Hälfte ihrer Mitglieder missachtet.

Wer wird sich einsetzen für diese schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft?

Die Ungerechtigkeit Frauen und Mädchen gegenüber begegnet uns überall, sickert durch jeden Riss in unserem fehlerhaften System, mit seiner widerlichen Mentalität alle Bereiche der Gesellschaft durchdringend bis wir bald ohne eine nennenswerte Zukunft dastehen könnten, für die es sich einzusetzen lohnt.

Dr. Sabu Georges Ermahnung sollte uns alle hochfahren lassen aus unseren bequemen Bürostühlen – „Wir haben keine Zeit.“ …

So ist es uns bei Life for All in Coimbatore ergangen.

Zu Folgendem hat die Dringlichkeit seiner Aussage uns bewogen:

Wir klären auf über die unbedingte Notwendigkeit einer ausgeglichenen Demographie in unserem Land Indien. Seit unserer Gründung 2009 teilt Life for All diese kritische Botschaft mit Schwangeren, Dorfgemeinschaften, Medizinern, geistlichen Leitern, Juristen, Schülern und Studenten. Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben wir über 75.000 Menschen erreicht, viele von ihnen Multiplikatoren. Wir beobachten ein Umdenken nicht nur bei Einzelnen, sondern auch in Kliniken, Schulen und Hochschulen.

Zuflucht bieten wir Schwangeren in unserem Life Center – dem Lebenszentrum – in Tamil Nadu, sofern sie in ihren Familien unter Druck geraten, misshandelt oder ausgestoßen werden.

Wir dürfen beobachten, wie sich nicht nur das Leben dieser Frauen und das ihrer Familien verändert, sondern wie sie auch die Dörfer und Gemeinschaften, in die sie zurückkehren, positiv beeinflussen.

Wir beobachten innere Heilung der Traumata durch vergangene Abtreibungen.

Wir beobachten Selbstsicherheit, eine neue Stärke und Ganzheit in ihnen, während sie ihr Leben als Frauen annehmen – ermächtigt, die stolze und liebende Mutter einer Tochter zu sein.

Wir sind Partner der Kampagne #VanishingGirls – Verschwindende Mädchen -, die es sich zum Ziel gemacht hat, über die Praxis der geschlechtsspezifischen Abtreibungen aufzuklären und sich stark macht für die effektive Umsetzung des PCPNDT Act von 1994, einem Gesetz, das die Enthüllung des Geschlechtes des Ungeborenen unter Strafe stellt.

Der weibliche Foetizid frisst Indiens Zukunft in rasender Geschwindigkeit, während unsere Unfähigkeit, das Ausmaß der Bedrohung zu begreifen, lächerlich anmutet.

Untätigkeit kann uns unsere Zukunft kosten.

Nicht nur die Zukunft unserer Töchter –

Untätigkeit in einer Zeit wie dieser kann uns Indiens Zukunft kosten.

Denn „wir haben keine Zeit.“

So einfach ist das.

Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Wenn Du schwanger bist und Hilfe brauchst, nimm bitte Kontakt mit uns auf. Wir sind hier, um Dir zu helfen!